Leon Glatzer

Leon Glatzer wurde 1997 auf Kīhei (Hawaiʻi), als Sohn eines deutschen Paares geboren. Bereits als Kleinkind zog es ihn zum Ozean: Er fühlt sich dort „wie zuhause“. Eine Bindung zu Wasser, die bereits seit seiner Geburt bestand, da er bei einer Wassergeburt auf die Welt kam. Trotz der deutschen Wurzeln wuchs Leon nicht in Deutschland, sondern in Pavones (Costa Rica) auf.

Steckbrief
Geburtsdatum
28. Februar 1997
Geburtsort
Kīhei (Maui), Hawaii
Heimatort
Pavones (Puntarenas), Costa Rica
Spitzname
für Pavonianer “Chicho”
Homebreak
Pavones
Erfolge
1. Platz WQS Newquay 2018, 1. Platz WQS Pismo 2019, 5. Platz ISA World Surfing Games 2021 (El Salvador), 17. Platz Olympische Spiele Tokio 2021, 1.Platz Deutsche Surf DM 2024
Stance
Goofy
Surfstil
Surft geschmeidige & kraftvolle Lines, Aerial-Experte
Größe / Gewicht
183 cm / 80 kg

Kindheit und Wurzeln

Mit etwa 4 Jahren schubste seine Mutter Katja Glatzer ihn auf einem Boogie-Board in die ersten Wellen. Eigentlich werden Boogie-Boards im Liegen gesurft, aber das war Leon zu langweilig – er versuchte sofort auf der Welle aufzustehen. Als er 100 m eine Welle auf dem Boogie-Board im Stehen surfte, war seine Mutter überzeugt und besorgte ihm ein Surfboard. Danach fragte er regelmäßig Surfer am Strand, ob er mit ihnen aufs Wasser gehen durfte – das ganze Dorf lehrte ihn das Surfen. So entstand auch sein Spitzname “Chicho” (spa. kurz, chichoso). Auch ehemaliger Profisurfer Jean Carlos Mendoza nahm Leon mit 6 Jahren in der Regensaison mit ins Wasser zum Surfen. Durch den Fluss, der ins Meer mündet, waren die Wellen besonders kraftvoll.

In Pavones lernte Leon auch den deutschen Surfer Thomas Lang kennen, der auf seinem Boot-Trip einen Stop in Leons Heimatort machte, um die zweitlängste Links-Welle der Welt zu surfen. Mit Boot, Sticker auf dem Brett war Thomas für Leon wie ein ”Rockstar”. Leon schaute ihm gerne beim Surfen zu und versuchte sich etwas abzuschauen. Leon nutzte die Chance und fragte Thomas, ob er ihm zeigen könne, wie er die Tricks macht. Vor Abreise gab Thomas ihm einige Bretter und ein Clip von seinem bisherigen Surftrip. Die Videos studierte Leon, um ebenso krasse Tricks machen zu können. Später verhalf Thomas auch zu Leons ersten Custom-Baord von Fantum.

Teenager in Pavones und San José

Nach der Heirat seiner Mutter Katja zog die Familie nach San José. Dort besuchte Leon die Schule und lebte mit Fernweh abseits des Meeres. Leon wollte wieder zurück ans Meer, was nicht möglich war. Daher suchte er nach einer Beschäftigung, der Surfen am ähnlichsten ist: Skateboarding. Aufgrund der fehlenden Wellen verbrachte Leon daher viel Zeit auf der Miniramp. Sein Bruder Sean kam in der Hauptstadt Costa Ricas zur Welt. Die beiden Brüder waren unzertrennlich. Stritten sich ihre Eltern, versteckten sie sich gemeinsam.

Mit 13 Jahren zog die Familie nach Pavones zurück. Leons erste Aktivität nach der Rückkehr war natürlich Surfen, das vermisste er meisten. Zurück in der lokalen Surf-Community war er anfangs unterlegen im Vergleich zu anderen Kids, mit den er bereits vor Jahren surfte. Sie nannten ihn „Stadtkind“ und dass er niemals gut surfen würde – er sei zu “skinny” und benötige mehr Kraft. Leon war am Boden zerstört! Seine Mutter erklärte ihm, das sei ganz normal, da er weniger Übungszeit hatte – das half ihm, sich nicht entmutigen zu lassen. Die Kritik nahm Leon als Motivation um besser zu surfen, er war von nun an bei jedem Wetter, bei jeden Surfbedingungen Surfen, berichtet lokale Surflegende Henry Martinez (Henrito). Einer der damaligen besten Surfer Costa Ricas zeigte Leon, wie er seine Turns besser fahren und eine scharfe Drehbewegung in der Welle (Snap) machen kann.

Ein Schock für die Familie: Leon spielt mit seinem Bruder zuhause, als sein Stiefvater rasend ankam, Telefon im Haus, sowie seinen Bruder Sean mitnahm. Leon verstand noch nicht, was passiert – sein Bruder wurde von ihm und von seiner eigenen Mutter getrennt. Der Fall endete im Rechtsstreit. Erst nach einer Einigung zwischen seiner Mam und seinem Stiefvater kam sein Bruder Sean wieder nach Pavones. Er sah seine Mutter, das erste Mal nach 6 Jahren wieder lächeln.

Der Weg zum Profi

Sein Skatebackground verbunden mit dem Surfen führte dazu, dass Leon keine klassischen Turns suchte, sondern Aerials – an der Welle suchte er die Stelle wie eine Skate-Ramp. Manchmal den kompletten Wellenride, der sich bis zu einem Kilometer strecken kann, nur um die perfekte Ramp zu finden.

Auch Thomas Lange hatte einen Skate-Background, der Leon mit Surfclips von seinem Boottrip inspirierte. Andere lokalen Surfer und Coaches kritisieren seinen eigenen Surfstil: Er würde die Wellen verschwenden, da er keine Turns macht, sondern nur Aerials macht. Ihm war das egal – „thats awesome, thats what i want to do“ antworte er seinen Kritikern. Damals war das „state of the art surfing“ rail surfing, als Turns fahren. Auch in contest gab es für Sprünge in die Luft keine Punkte.

Ein prägender Moment: Ein Video von Leon mit einer schwierigen Trickausführung (Kerrupt Flip) wurde von Leons Mutter an Thomas geschickt. Ein sehr anspruchsvoller Trick, besonders für einen 14-jährigen Jungen. Thomas nutzte sein Netzwerk und brachte Leon mit seinem Agenten Quirin Rohleder in Kontakt – u. a. Billabong, O’Neill, Nike 6.0. und Volcolm unterbreiteten Angebote für ein Sponsoring. Mit 14 Jahren unterschrieb er seinen ersten Sponsorvertrag.
Schau dir hier den Kerrupt Flip an, was Leon seinen ersten Sponsoringvertrag brachte:

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Mehr Informationen

Seine erste internationale Reise führte ihn mit dem Volcom Team nach Frankreich – dort der Kulturschock: Pavones hatte konstant warmes Wasser (~28 °C), in Frankreich war das anders; kaltes Wasser und surfen im Neopron. Zudem nackte Menschen am Strand waren für ihn neu und ungewohnt (seine Mutter musste lachen, als er ihr von seinem Schock berichtete).
Die Kultur und die Wassertemperatur waren nicht die einzigen Herausforderungen des Nachwuchstalents aus Pavones – er war zwar ein Aerial-Experte konnte aber keine Rechtswellen surfen und seine Turns waren nicht gut genug. Volcom schickte ihn daher nach Südafrika für 3 Monate, damit er das Recht­swellen-Surfen lernte (vor allem Turns).

Es eine harte Zeit – Leon lebte trotz Sponsor finanziell oft am Limit: manchmal reichte das Geld nicht fürs Essen, er übernachtete häufig in seiner Boardbag bei Freunden. Schweren Herzens rief seine Mutter aus Costa Rica und sagt ihm, sie könne ihn vorübergehend nicht weiter finanziell unterstützen. Der Rechtsstreit mit seinem Stiefvater verursachte hohe Anwaltskosten, bevor es zur Einigung kam. Leon nahm die Verantwortung auf sich und unterstützte seine Mutter finanziell mit den Preisgeldern von Contests. Als er einmal verlor, rief er seine Mutter an: „Mom, I failed you. I didn’t make the prize money…“.

Mit Sufclips wie The Vast Waters, Mütze Glatze und EL Schnitzel machte sich Leon zunehmend einen Namen in der Surfwelt und verlängerte seinen Vertrag bei Volcolm.
Dennoch hatte er durch seine anhaltende finanzielle Not oft Zweifel. Mit seinem Einkommen war er noch weit davon entfernt, genügend Einkommen zu generieren. Auch Quirin hatte manchmal Bedenken. Er glaubte an Leon. Er sah das Talent, er wusste, Leon hat den Willen, nur sahen es die Surfbrands nicht.

Der Weg zum olympischen Traum – Tokio 2021

Der Wendepunkt: Surfen wurde olympisch. Leon musste sich nach Zweifeln nun entscheiden: Full-time-Commitment nach Europa und Vorbereitung zur Qualifikation für die olympischen Spiele in Tokio und Deutsch lernen oder zurück nach Pavones sein Leben leben. Leon ging All-in! Erstmals gab es eine richtige Struktur durch das olympische Programm mit festen Abläufen, professionelle Coaches und Sportpsychologen und ein festes Gehalt.

Die Qualifikation über die ISA World Surfing Games in El Salvador war extrem hart – von über 140 männliche Surfer wurden nur 5 Plätze vergeben. Im ersten Heat seiner Qualifikation fror er ein, nach circa 5 Minuten im 20-minütigen Heat hatte er noch keine Welle gesurft: Panik, Herzrasen, kaum Luft. „Act now or Tokyo dream is over.“ Knapp setzte er sich gegen den Local Hero Samuel Arenivar durch und kam in die nächste Runde. Er verstand nicht was los war, denn er war so gut vorbereitet. Sportpsychologe Martin Walz beruhigte ihn, sprach ihm zu: “You are so ready and you have no idea!” Langsam wurde Leon zum Favoriten durch seine hohen Punkte in den Heats. Doch als es darauf ankam und die Top 10 feststanden, hatte er wieder das lähmende Gefühl vom ersten Heat. Martin nahm Leon beiseite, meditierte und machte Atemübungen mit ihm. Als er ins Wasser für sein Heat musste, tippte Martin Leon auf die Schultern: „Leon, you know how to surf, that’s all you have to do…

Er schaffte es mit dem 5. Platz – erhielt das „Golden Ticket“ vom Chris Cote von der ISA (International Surfing Association) und schreibt als erster deutsche Surfer bei den Olympischen Spielen Geschichte. Bei den Spielen in Tokio erreichte er Platz 17, zufrieden war der zielstrebige Surfer nicht damit.

Das Tief nach Olympia und wie zu seinem Glück verhalf

Nach dem olympischen Erlebnis kam bei ihm der sogenannte „Olympia-Effekt“. Nach mehrmonatigen super high, fiel Leon in ein Loch. Surfen machte ihm keine Freude mehr und macht eine Identitätskrise durch – er zog sich zurück, fuhr Motocross, Snowboard, ließ das Social Media und E-Mails eine Zeit ruhen. Diese Pause tat ihm gut. Mit einem kleinen Urlaub auf Ibiza wollte er sich eine Pause gönnen und traf zufällig seine Jugendliebe Bianca aus seiner Schulzeit in San José.

Persönlichkeit

Leon gilt als „Power Guy“, insbesondere für seine beeindruckenden Aerials – was ihm eine Einladung zum Red Bull Airborne verlieh. Sein offenes, stets grinsendes, positives Auftreten macht ihm sehr nahbar. Er ist bodenständig, hat eine gesunde, positive Lebenseinstellung und strahlt voller Energie und Lebensfreude. Leon spricht mehrere Sprachen (Deutsch, Englisch und Spanisch) und fühlt sich auf der ganzen Welt zu Hause. Denn im Alter von 14 bis 26 Jahren, hat er immer an verschiedenen Orten gelebt – die ganze Welt bereist und gestuft. Erst nach 12 Jahren in München hat wieder einen festen Wohnsitz

Zwischen Chicho und Leon Glatzer

Leon Glatzer ist nicht nur ein Surfer mit beeindruckenden Tricks und einer spannenden Biografie – sondern eine Brücke zwischen Kulturen: geboren in Hawaiʻi, aufgewachsen in Costa Rica, vertreten Deutschland. Sein Weg zeigt, dass Passion, Hartnäckigkeit und Spaß am Sport Berge versetzen können – auch wenn man „als Stadtkind“ beginnt und sich gegen die lokalen Surflokals beweisen muss. Sein Stil, seine Lebenseinstellung und seine Authentizität machen ihn zu einer inspirierenden Persönlichkeit – für Surfer*innen, die nicht nur Wellen reiten wollen, sondern ihrem eigenen Surfstil treu bleiben, dadurch Erfolg haben und Geschichte schreiben. Besonders in Pavones ist er ein magisches Symbol und Inspiration zugleich, wo er immer noch der “kleine Chicho” sein wird.
Leon Glatzer ist der lebende Beweis eine Surfkarriere haben zu können ohne großen Erfolg in der WSL.